Als die DDR im Herbst 1989 zu Grabe getragen wurde, hielt sich die Trauer zunächst in Grenzen. Auf den Straßen standen Menschen, die nicht zurück-, sondern nach vorn blickten. Sie wollten reisen, reden, wählen und ihr eigenes Leben führen. Vor allem die Jüngeren wollten nicht länger darauf warten, dass irgendwann vielleicht etwas besser würde. Hoffnung ist schließlich höchst ungleich über das Leben verteilt: Mit zwanzig hält man die Zukunft für eine nahezu unbegrenzte Ressource. Mit sechzig weiß man, dass nicht jedes Versprechen eingelöst und nicht jeder Traum nachbestellt werden kann.
Für die Ostdeutschen kam diese Zukunft – allerdings nicht als Fortsetzung ihres bisherigen Lebens, sondern als vollständiger Systemwechsel. Kindheit, Jugend und oft auch die ersten Berufsjahre hatten in einem Land stattgefunden, das plötzlich nicht mehr existierte. Alles Weitere spielte in einem anderen Staat, mit einer anderen Währung, anderen Regeln und anderen Maßstäben für Erfolg und Scheitern. Auf der Landkarte verschwand 1990 eine Grenze. In Millionen ostdeutschen Biografien entstand dafür eine neue: die zwischen vorher und nachher.
Eine vergleichbare Bruchkante gab es im Westen nicht. Auch dort konnten Karrieren scheitern, Betriebe schließen und Hoffnungen zerbrechen. Aber das gesellschaftliche Betriebssystem blieb dasselbe. Im Osten dagegen musste ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung mitten im Leben noch einmal von vorn beginnen. Manche gewannen dabei, manche verloren, die meisten vermutlich beides. Der Systemwechsel war für manches Scheitern tatsächlich verantwortlich – und wurde zugleich zu der großen Erzählung, mit der sich später auch andere Enttäuschungen des Lebens erklären ließen.
Mit den Jahren geschah jedoch etwas Merkwürdiges: Je länger die DDR verschwunden war, desto greifbarer wurde sie in der Erinnerung. Das menschliche Gedächtnis ist schließlich kein Staatsarchiv, sondern ein ausgesprochen eigenwilliger Innenarchitekt. Es räumt vieles, was störte, unauffällig in den Keller und beleuchtet die verbliebenen Erinnerungen mit warmem Licht. Der zugige Ferienbungalow an der Ostsee wird zum Ort unbeschwerter Sommer, die Brigadefeier zur gelebten Gemeinschaft und das Warten auf den Trabant zu einer liebenswerten Anekdote. Je undeutlicher die Einzelheiten werden, desto eindeutiger fällt mitunter das Gesamturteil aus: Schön war es damals.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass sich die Menschen nach Mauer, Stasi und Politbüro zurücksehnten. Häufig vermissten sie weniger die DDR als den Menschen, der sie selbst in der DDR einmal gewesen waren: jung, gebraucht, eingebunden und umgeben von vertrauten Abläufen. Mit dem alten Staat waren nicht nur seine Zwänge verschwunden, sondern auch Betriebe, soziale Netze, Gewissheiten und vorgezeichnete Lebenswege. Die DDR hatte ihren Bürgern viele Entscheidungen abgenommen – und ihnen dafür häufig auch das Recht genommen, sie selbst zu treffen. Die Bundesrepublik gab ihnen diese Freiheit zurück, lieferte die Gebrauchsanweisung allerdings nur in westdeutscher Ausführung mit.
Plötzlich sollte jeder das eigene Leben selbst planen, Risiken abwägen, sich verkaufen, neu qualifizieren und notfalls noch einmal ganz von vorn beginnen. Manche empfanden das als Befreiung, andere als Überforderung, viele vermutlich als beides zugleich. Wo zuvor der Staat für fast alles zuständig gewesen war, erklärte das neue System nun den Einzelnen zum Unternehmer seiner eigenen Biografie. Gelang der Neustart, war das ein persönlicher Erfolg. Misslang er, fühlte sich auch das Scheitern plötzlich sehr persönlich an.
Aus Millionen unterschiedlicher Erfahrungen entstand so allmählich ein gemeinsames Gefühl: Früher wussten wir, wo wir hingehörten. Heute sind wir frei – aber niemand wartet auf uns. Die DDR wurde in dieser Erinnerung nicht deshalb immer schöner, weil ihre Bürger nachträglich den real existierenden Sozialismus entdeckten. Sie wurde schöner, weil sie für eine verlorene Jugend, eine überschaubare Welt und das Gefühl stand, einen selbstverständlichen Platz in ihr zu besitzen.
Ein gemeinsames Gefühl ist allerdings noch keine Gemeinschaft. Dazu müssen Menschen zunächst entdecken, dass andere ähnlich empfinden. Lange geschah das am Küchentisch, beim Klassentreffen oder bei ein paar Gläsern Rotkäppchen-Sekt: Weißt du noch? Damals war nicht alles schlecht. Im Gegenteil. Und während einer erzählte, ergänzte der Nächste die Erinnerung um genau jene Einzelheiten, die sie noch ein wenig wärmer, geschlossener und wahrer machten.
Dann kamen die sozialen Medien. Sie erfanden dieses Gefühl nicht – sie gaben ihm eine Adresse. Was zuvor auf Familien, Freundeskreise und einzelne Orte verteilt gewesen war, versammelte sich nun an einem digitalen Lagerfeuer. Man musste nur noch den richtigen Beitrag finden, einen Satz lesen und denken: Genau so war es. Genau so empfinde ich auch. Aus vielen privaten Erinnerungen entstand eine gemeinsame Erzählung, aus vielen einzelnen Enttäuschungen eine kollektive Erfahrung.
An diesem digitalen Lagerfeuer saßen bald nicht mehr nur diejenigen, die ihr halbes Leben in der DDR verbracht hatten. Auch ihre Kinder nahmen Platz. Sie konnten sich an den Staat kaum oder gar nicht erinnern, kannten aber die Geschichten der Eltern: von sicheren Arbeitsplätzen, offenen Wohnungstüren, Ferienlagern, Nachbarschaftshilfe – und von der großen Enttäuschung danach. Die DDR ihrer Erinnerung war kein Land, in dem sie selbst gelebt hatten. Sie war eine Familienerzählung, die ihnen erklärte, woher sie kamen und warum ihre Eltern das Gefühl hatten, im vereinigten Deutschland nie vollständig angekommen zu sein.
Die Ostdeutschen waren nach 1990 nicht ausgewandert – und hatten dennoch ihre Heimat verloren. Sie wurden zu einer Art Diaspora am eigenen Wohnort. Je weniger sie sich in der neuen Gesellschaft wiederfanden, desto wichtiger wurde die Gemeinschaft derjenigen, die ihnen versicherte: Deine Geschichte ist richtig. Dein Gefühl täuscht dich nicht. Du bist nicht allein.
Das verbindende Element war zunächst kein ausgearbeitetes politisches Programm und auch keine Verschwörungstheorie. Es war die Erleichterung, mit der eigenen Wahrnehmung nicht allein zu sein. Aus „Ich habe meinen Platz verloren“ wurde „Wir wurden vergessen“. Und aus diesem gemeinsamen Gefühl entstand eine Gemeinschaft, lange bevor sie sich darauf verständigte, wer dafür verantwortlich sein sollte.
Eine solche Gemeinschaft wird nicht allgemein toleranter. Sie wird selektiv toleranter gegenüber Menschen und Meinungen, die ihren emotionalen Nukleus bestätigen. Wer glaubhaft sagen konnte
„Auch ich wurde übergangen, auch meine Familie wurde um ihre Zukunft gebracht“, erhielt einen Vertrauensvorschuss. Seine übrigen Ansichten wurden nicht mehr ganz so streng an der Eingangstür kontrolliert. Im Gepäck der Zugehörigkeit reisten nun Meinungen mit, die bei einer nüchternen Einzelkontrolle möglicherweise am Zoll hängen geblieben wären.
Das digitale Lagerfeuer spendete deshalb nicht nur Wärme. In der geschlossenen Welt der sozialen Netzwerke wurde es zugleich zur Petrischale. Gedanken, die außerhalb dieser Gemeinschaft auf Widerspruch, Spott oder zumindest eine lästige Nachfrage nach Belegen gestoßen wären, fanden hier ideale Wachstumsbedingungen. Eine Behauptung musste nicht unbedingt stimmen. Es genügte zunächst, dass sie das gemeinsame Gefühl bestätigte – und die richtigen Leute beschuldigte.
Das eigentliche Virus war dabei gar nicht die einzelne Behauptung. Es war ein universeller Deutungsschlüssel: Die da oben handeln nicht für uns hier unten. War dieser Gedanke erst einmal aufgenommen, ließ er sich auf nahezu jedes neue Thema anwenden. Aus politischer Enttäuschung wurde ein Grundmisstrauen, aus Grundmisstrauen ein Weltbild und aus dem Weltbild eine Gemeinschaft, in der jede neue Nachricht nur noch daraufhin geprüft wurde, ob sie zur bereits bekannten Erzählung passte.
An diesem Punkt traf die neue Gemeinschaft auf eine alte ostdeutsche Erfahrung: den Umgang mit der offiziellen Wahrheit. Das DDR-Fernsehen hatte seine Zuschauer jahrzehntelang darin ausgebildet, Verlautbarungen von oben zu misstrauen und zwischen den Zeilen nach dem zu suchen, was tatsächlich geschehen war. Wer so lange gelernt hatte, offiziellen Nachrichten nicht zu glauben, legte diese Fähigkeit 1990 nicht einfach an der Garderobe der Bundesrepublik ab.
Das Westfernsehen hatte zu DDR-Zeiten gerade deshalb eine so hohe Glaubwürdigkeit besessen, weil es nicht Teil des eigenen Staates war. Es war das Fenster nach draußen, die Gegenstimme zur offiziellen Wirklichkeit. Nach der Wiedervereinigung wurden dieselben Sender jedoch Bestandteil jener neuen Ordnung, in der sich viele Ostdeutsche nicht ausreichend gesehen und vertreten fühlten. Aus dem Fenster zur Welt wurde in ihrer Wahrnehmung die Stimme eines westdeutsch geprägten Systems, das ihnen nun erklärte, wie ihre Vergangenheit zu bewerten und ihre Gegenwart zu verstehen sei.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist kein Staatsfernsehen. Seine Strukturen, Kontrollmechanismen und seine institutionelle Unabhängigkeit unterscheiden ihn grundlegend von den Sendern der DDR. Doch für ein einmal etabliertes Gefühl spielt diese Unterscheidung nur noch eine begrenzte Rolle. Ausgerechnet die Erfahrung mit einem wirklichen Staatsfernsehen machte den Vorwurf „Staatsfunk“ im Osten besonders anschlussfähig.
Dass dies nicht nur eine besonders lautstarke Minderheit betrifft, zeigen die Vertrauenswerte. In einer WDR-Studie aus dem Jahr 2025 äußerten 58 Prozent der Westdeutschen großes oder sehr großes
Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In Ostdeutschland waren es nur 41 Prozent; 54 Prozent begegneten ihm mit Misstrauen.
Damit bekam die Petrischale einen Deckel. Wenn ARD und ZDF zu „denen da oben“ gehörten, konnten ihre Berichte eine Behauptung aus der eigenen Gemeinschaft kaum noch widerlegen. Im Gegenteil: Der Widerspruch durch die etablierten Medien erhöhte mitunter erst deren Glaubwürdigkeit. Kam eine Nachricht aus der Tagesschau, war sie verdächtig. Kam sie vom digitalen Lagerfeuer, besaß sie den Vertrauensbonus der Zugehörigkeit.
Die Coronapandemie bot dafür nahezu ideale Laborbedingungen. Eine unbekannte Krankheit, widersprüchliche Aussagen, überforderte Behörden, Pharmaunternehmen mit wirtschaftlichen Interessen und eine Bundesregierung, die tief in das private Leben ihrer Bürger eingriff – mehr Nährlösung konnte man einer Verschwörungserzählung kaum zur Verfügung stellen. Die Frage nach Wirkung und Risiken einer Impfung wurde deshalb bald nicht mehr nur medizinisch beantwortet. Sie wurde zum politischen Gesinnungstest: Wer sich impfen ließ, vertraute „denen da oben“. Wer sich widersetzte, bewies, dass er noch selbst dachte.
Und wer am digitalen Lagerfeuer bereits als einer von „uns“ erkannt worden war, durfte weitere Gedanken mitbringen. Vielleicht glaubte er, die Pharmaindustrie steuere die Politik. Vielleicht hielt er den Klimawandel für eine Erfindung, die Ukraine für eine Marionette des Westens oder Migration für einen gezielten Austausch der Bevölkerung. Früher hätte jede dieser Behauptungen eine eigene Begründung benötigt. Nun genügte ihre Verwandtschaft mit dem gemeinsamen Grundgefühl. Die einzelnen Tentakel mussten logisch nicht zusammenpassen. Sie wurden vom selben emotionalen Kreislauf versorgt: Wir werden belogen, wir werden übergangen – und die Mächtigen verfolgen andere Interessen als unsere.
Spätestens an diesem Punkt bekam die neue Gemeinschaft einen politischen Namen: AfD. Keine andere Partei erkannte so früh, welche Kraft in dem Gefühl lag, übersehen, bevormundet und von den eigenen Volksvertretern nicht mehr vertreten zu werden. Die AfD musste diese Menschen nicht erst von einer komplizierten Ideologie überzeugen. Sie musste ihnen zunächst nur versichern, dass ihre Enttäuschung keine persönliche Niederlage, sondern eine politische Erkenntnis war.
Dabei kam ihr die bemerkenswerte Überheblichkeit der etablierten Parteien gegenüber den sozialen Medien entgegen. SPD, CDU, Grüne und auch die Linke behandelten Facebook, YouTube und später TikTok über Jahre wie eine etwas anrüchige Kneipe, in der ein seriöser Politiker besser nicht gesehen werden sollte. Das war nicht völlig unverständlich. Der Ton war grob, die Behauptungen waren wild, und unter den digitalen Stammtischen lag manches sprachliche Niveau deutlich tiefer als der dazugehörige Breitbandanschluss. Aber eine Demokratie kann sich ihren Marktplatz nicht danach aussuchen, ob ihr der Umgangston gefällt.
Wer einen Marktplatz aus Abscheu verlässt, schafft ihn schließlich nicht ab. Er überlässt nur die Stände den anderen. Während die etablierten Parteien noch darüber berieten, ob man soziale Medien überhaupt ernst nehmen dürfe, nahm die AfD deren Nutzer ernst – zumindest vermittelte sie ihnen erfolgreich dieses Gefühl. Wo andere eine Pressemitteilung verschickten, stellte sie ein Handyvideo ins Netz. Wo andere Trolle sahen, erkannte sie mögliche Wähler. Und wo andere glaubten, eine empörende Behauptung werde schon an ihrer eigenen Absurdität zugrunde gehen, hatte die AfD längst verstanden, dass Empörung kein Hindernis ihrer Verbreitung war, sondern ihr Treibstoff.
Sie blieb dabei nicht am digitalen Lagerfeuer sitzen. Sie erschien auf den Marktplätzen ostdeutscher Kleinstädte, in den Sitzungssälen überforderter Gemeinderäte und an Orten, an denen sich Bundespolitiker meist nur noch kurz vor einer Wahl einfanden. Wo die etablierten Parteien Problemregionen sahen, sah die AfD Menschen, die endlich wieder jemanden auf ihrer Seite wissen wollten. Und sie bot ihnen eine ebenso einfache wie entlastende Erklärung an: Du bist nicht gescheitert. Dein Land hat dich im Stich gelassen.
Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die AfD in der letzten Umfrage bei 42 Prozent, die CDU bei 22. In den politischen Zentralen wird dieses Ergebnis wie ein plötzlich aufgezogenes Unwetter betrachtet. Doch vielleicht ist daran weniger plötzlich, als es scheint. Die AfD ist nicht eines Morgens in eine intakte politische Landschaft eingebrochen. Sie hat einen Raum bezogen, der über Jahre leer stand.
Natürlich teilen nicht alle AfD-Wähler dieselbe Biografie, dieselben Ansichten oder auch nur dieselben Gründe für ihre Wahlentscheidung. Das müssen sie auch nicht. Für eine politische Gemeinschaft genügt ein verbindendes Gefühl. Die AfD hat dieses Gefühl aufgenommen, bestätigt und schließlich politisch übersetzt. Aus „Wir wurden vergessen“ wurde „Wir wurden betrogen“. Aus „Wir gehören nicht mehr dazu“ wurde „Man hat uns unser Land genommen“.
Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bringt diese Entwicklung in einem einzigen Wahlkampfsatz auf den Punkt: „Am 6. September holen wir uns unser Land zurück.“ Darin steckt das gesamte Versprechen der AfD. Sie bietet ihren Wählern nicht nur eine andere Regierung an, sondern die Rückgabe von Heimat, Würde und politischer Bedeutung. Ob ihre Lösungen funktionieren, wird beinahe zweitrangig. Entscheidend ist zunächst, dass sie verstanden hat, was verloren zu sein scheint.
1989 riefen Menschen in den Straßen der DDR „Wir sind das Volk“, weil sie hoffnungsvoll in eine neue Zukunft aufbrechen wollten. Siebenunddreißig Jahre später verspricht ihnen eine Partei, sie müssten sich ihr eigenes Land zurückholen.
Was genau ist in den Jahren dazwischen verloren gegangen: das Land – oder das Gefühl, dass es auch ihnen gehört?
