Es ist einer jener Abende bei Markus Lanz, an denen zwar alle am selben Tisch sitzen, aber nicht unbedingt in derselben Realität.

Zu Gast sind der AfD-Energiepolitiker Steffen Kotré, der Klimaforscher Mojib Latif und die Journalistin Melanie Amann. Als Kotré beschwingt und weitgehend faktenbefreit beginnt, seinen Blick auf die Klimaforschung auszubreiten, könnte man zunächst einen stimmungshebenden Umtrunk vor der Aufzeichnung vermuten. Doch je länger er redet, desto beunruhigender wird die Sache: Der Mann meint das offenbar ernst.

Wie CO₂ auf das Klima wirkt? Wissen wir angeblich nicht. Eine wissenschaftlich belegte Zunahme von Extremwetter? Gibt es nicht. Klimaforscher, die anderer Meinung sind? Trauen sich nur nicht, den Mund aufzumachen, weil sie sonst keine Forschungsgelder mehr bekommen. Atomkraft? Billig. Das Problem mit dem Atommüll? Im Grunde gelöst. Es ist ein beeindruckender Rundumschlag gegen mehrere Jahrzehnte Klimaforschung, vorgetragen mit jener Souveränität, die gewöhnlich nur Menschen besitzen, die entweder sehr genau wissen, wovon sie sprechen – oder überhaupt keine Ahnung davon haben.

Mojib Latif widerspricht. Melanie Amann widerspricht. Markus Lanz ruft mehrfach „Stopp!“ und versucht, gemeinsam mit seiner Redaktion einzelne Behauptungen noch während der Aufzeichnung zu überprüfen. Kotré bleibt unbeeindruckt. Beim Thema Atomkraft nähert sich das Gespräch schließlich seinem erkenntnistheoretischen Höhepunkt:

Kotré: Atomkraft ist billig. Lanz: Nein. Kotré: Doch.

Die Sendung stammt aus dem Jahr 2023. Das Problem leider nicht. Und damit ist das Grundproblem politischer Talkshows ziemlich präzise beschrieben: Eine falsche Behauptung benötigt zehn Sekunden. Ihre sachgerechte Widerlegung zehn Minuten, drei Quellen und nach Möglichkeit jemanden, der währenddessen nicht schon die nächste falsche Behauptung in die Runde wirft.

Bei einer echten Livesendung steht man damit vor einem grundsätzlichen Problem: Politiker und sogenannte Experten können in kurzer Zeit erstaunliche Mengen Unsinn produzieren. Der Unsinn selbst ist meist erfreulich kompakt. Seine Widerlegung dagegen benötigt Zahlen, Quellen, Zusammenhänge und gelegentlich sogar vollständige Sätze. All das lässt sich während einer laufenden Diskussion nur schwer beschaffen – vor allem, wenn der Gast bereits zur nächsten Behauptung weitergezogen ist.

Was geschieht also bislang?

Im Wesentlichen gibt es zwei Verfahren. Das erste ist der offizielle Faktencheck von ARD oder ZDF. Nach der Sendung arbeiten sich Redaktionen durch die Aussagen, prüfen Zahlen, befragen Fachleute und veröffentlichen das Ergebnis auf ihrer Webseite. Dort kann der interessierte Bürger am nächsten Morgen nachlesen, welcher Teil des Interviews falsch, irreführend oder nur unter sehr kreativen Voraussetzungen richtig war.

Das ist journalistisch häufig solide. Es hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Kaum jemand liest es.

Eine Million Menschen sehen das Interview. Einige Tausend finden später den Faktencheck. Die Behauptung fährt im Hauptprogramm erster Klasse direkt ins Wohnzimmer; ihre Richtigstellung wird am nächsten Tag als Regionalbahn auf irgendeinem Untermenü der Senderwebseite hinterhergeschickt.

Das zweite Verfahren übernimmt die Presse. Je nachdem, wer am Vorabend zu Gast war, erklären anschließend die taz, die Bild, die Welt, der Spiegel oder andere weltanschaulich einschlägige Organe ihren Lesern, warum der betreffende Politiker gelogen, manipuliert oder zumindest bemerkenswert frei mit der Wirklichkeit verkehrt habe.

Auch dieses Verfahren funktioniert – allerdings hauptsächlich innerhalb der jeweils eigenen Gemeinde. Der taz-Leser erfährt zuverlässig, warum der AfD-Politiker Unsinn erzählt hat. Der Bild-Leser erfährt ebenso zuverlässig, warum Robert Habeck Deutschland persönlich abgeschafft hat. Am Ende werden vor allem Menschen informiert, die bereits vorher ziemlich genau wussten, wem sie glauben und wen sie für einen gefährlichen Idioten halten.

Beide Formen des Faktenchecks haben deshalb denselben Konstruktionsfehler: Die Behauptung und ihre Korrektur erreichen nicht dasselbe Publikum.

Die Falschaussage bekommt die große Bühne, das Studiolicht und eine Million Zuschauer. Die Richtigstellung bekommt einen Link, eine Randspalte und die stille Hoffnung, dass irgendjemand zufällig vorbeikommt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob politische Aussagen überprüft werden sollten. Das geschieht längst. Die Frage lautet: Wie bringt man die Korrektur genau dorthin, wo auch die Behauptung ihr Publikum gefunden hat?

Die naheliegende Antwort scheint zunächst verblüffend einfach. Viele politische Talkshows – auch Markus Lanz – werden nicht live ausgestrahlt, sondern einige Stunden vor der Sendung aufgezeichnet. Zwischen dem Ende der Aufzeichnung und dem Moment, in dem der Zuschauer es sich mit Rotwein und Restvertrauen in die Demokratie vor dem Fernseher bequem macht, liegt also wertvolle Zeit.

Zeit genug jedenfalls, um nicht jede historische Fußnote der Menschheitsgeschichte zu überprüfen, wohl aber die gröbsten Schnitzer. Hat Deutschland tatsächlich 350.000 offene Haftbefehle? Gibt es wirklich kein Endlagerproblem mehr? Hat der zitierte Nobelpreisträger tatsächlich gesagt, was ihm gerade untergeschoben wird? Für solche Fragen braucht eine halbwegs ausgestattete Redaktion keine Untersuchungskommission und auch keinen parlamentarischen Ausschuss. Meist genügen einige Journalisten, ein Internetanschluss und der feste Wille, Google nicht ausschließlich zur Restaurantsuche zu verwenden.

Das Ergebnis könnte unmittelbar in die Sendung eingeblendet werden. Während der Gast seine Behauptung vorträgt, erscheint am unteren Bildrand ein kurzer Hinweis:

FALSCH: Für hochradioaktive Abfälle existiert in Deutschland weiterhin kein Endlager. Quelle: BASE.

Oder:

IRREFÜHREND: Die genannte Zahl stimmt, beschreibt aber nicht den behaupteten Sachverhalt.

Das wäre schon ziemlich gut. Die Falschaussage und ihre Korrektur würden erstmals dasselbe Publikum erreichen – zur selben Zeit, in derselben Sendung und auf demselben Bildschirm.

Allerdings entsteht damit ein neues Problem. Der Zuschauer müsste gleichzeitig hören, wie ein Politiker mit großer Überzeugung das eine behauptet, und lesen, warum ziemlich genau das Gegenteil richtig ist. Schon Sätze mit mehr als acht Wörtern stellen offenbar einen erheblichen Teil des Fernsehpublikums vor intellektuelle Herausforderungen. Zwei einander widersprechende Aussagen gleichzeitig zu verarbeiten, könnte aus einem Informationsangebot schnell einen kleinen Eignungstest für Fluglotsen machen.

Ausgerechnet der Faktencheck, der Klarheit schaffen soll, könnte also zusätzliche Verwirrung produzieren. Oben erklärt der Politiker die Welt, unten erklärt die Redaktion, warum sie anders funktioniert, und irgendwo dazwischen versucht der Zuschauer, sich daran zu erinnern, weshalb er nicht einfach einen Krimi eingeschaltet hat.

Dennoch ist der Ansatz zu gut, um ihn deshalb zu verwerfen. Man müsste die Einblendungen nur freiwillig machen.

Nahezu jeder Fernseher kann heute zusätzliche Untertitel oder digitale Informationen ein- und ausblenden. Zu Beginn der Sendung könnte deshalb ein schlichter Hinweis erscheinen:

ZUSCHALTBARER FAKTENCHECK VERFÜGBAR: Grüne Taste drücken.

Wer das Interview unverändert sehen möchte, sieht es unverändert. Wer wissen will, ob die gerade mit staatsmännischer Miene vorgetragene Zahl irgendeine erkennbare Beziehung zur Wirklichkeit besitzt, schaltet den Faktencheck hinzu. In der Mediathek ließe sich dieselbe Funktion über einen einfachen Menüpunkt anbieten.

Die normalen Untertitel für Menschen mit Hörbeeinträchtigung müssten selbstverständlich als eigene Spur erhalten bleiben. Der Faktencheck wäre eine zusätzliche Ebene: freiwillig, knapp, quellenbasiert und jederzeit abschaltbar.

Damit würde weder das Interview verändert noch eine Aussage herausgeschnitten. Niemand würde zensiert, niemandem das Wort entzogen. Der Politiker behielte sein Recht auf die eigene Meinung – und der Zuschauer bekäme endlich ein zuschaltbares Recht auf die dazugehörigen Fakten.

Natürlich würde auch ein zuschaltbarer Faktencheck nicht verhindern, dass bestimmte Parteien weiterhin sorgfältig ausgewählte 30-Sekunden-Schnipsel aus der Sendung schneiden und auf TikTok stellen – selbstverständlich ohne die störenden Untertitel. Aber man sollte auch nicht zu viel verlangen. Nähme man ihnen zusätzlich noch die Möglichkeit, aus einem 75-minütigen Gespräch einen vollkommen irreführenden Triumphclip zu destillieren, was bliebe ihnen dann außer ihrem Parteiprogramm?

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